Ich habe das deutliche Gefühl, dass ich in diesem Augenblick noch nicht
so weit bin, geistig gesehen. Als acht in der Matratze, auf der ich liege,
auf 60 Grad erhitzte Massagerollen vom Hals aus erst etwas schmerzhaft,
dann aber recht angenehm sich nach unten bewegen, denke ich noch:
Hoffentlich geschieht dem Handy in der Hosentasche nichts. Während also
die infraroten Strahlen, ausgesandt von Jadesteinen, mit einer Wellenlänge
von vier bis 16 Mikrometern strahlen, der "Moxaeffekt" seine Wirkung tut,
die ebenfalls in der Unterlage eingelassene Epoxidcarbon-Platte sich
aufheizt sowie so genannte externe Projektoren, die zusätzliche
Wärmestrahlen abgeben, auf meinem Bauch liegen, geht mir der Gedanke durch
den Kopf, dass dies vielleicht dem Schlips Knitterfalten eintragen könnte.
Nein, so geht es wirklich nicht. Ich bin mental blockiert. So werde ich
nie zur Familie gehören. Wie Svetlana aus Tegel. Eine, die glaubt.
Svetlana hat erst ein paar Besuche hinter sich. Doch schon seit
längerem ist sie vollkommen mit der Idee vertraut, der zufolge wir alle
"energetische Felder" besäßen. Woher die Felder stammen, entzieht sich
bisweilen ihrer Kenntnis: "Von der Sonne, aus dem Kosmos, von Gott, was
weiß ich." Sie weiß aber, dass die "Aura" jedes Menschen gelegentlich
"blockiert" sei, dadurch entstünden "Energieknoten", und die seien ganz
schlecht. Bei Energieknoten leide der Mensch. Svetlana hatte, als sie die
Energieknoten noch spürte, starke Rückenschmerzen. Aber dann kam der
"Ceragem Master CGM-M3500". Seither hätten sich ihre Verspannungen
gelockert. Svetlana sagt, man müsse "offen sein" für das, was da mit Hilfe
des Ceragem Masters passiere. Statt an die Schulmedizin glaubt sie an
"kosmische Kräfte". Und sie glaubt an den Ceragem Master. Man müsse, sagt
sie, zu dem CGM-M3500 "Vertrauen haben". Nur dann stehe Linderung in
Aussicht.
34-mal steht der CGM-M3500 in dem Geschäft von Youg-Min Lee und seiner
Frau Hyun-Jin Kim an der Bundesallee 39/40A. Die Massagebetten des
koreanischen Herstellers Ceragem werden in über 700 Läden rund um den
Globus feilgeboten, in Deutschland wartet bereits ein knappes Dutzend
Filialen, die als Konzessionsgeschäfte betrieben werden, auf Kundschaft,
in Berlin sind es drei. Schon bald sollen es hier zu Lande an die 300
Vertretungen sein.
Schon früh morgens stehen die Leute an der Tür und warten, um 8.30 Uhr
endlich wird geöffnet. Sie kommen, um auf den Wunderbetten zu liegen,
manchmal sind es so viele, dass Wartenummern vergeben werden müssen. 2450
Euro kostet ein Exemplar, eine Menge. Die Besucher des Ladens sind an
diesem Vormittag meist Rentner, viele Türkinnen sind dabei, auch viele
Russen und manch Arbeitsloser. Nein, 2450 Euro, das ist wohl eine Nummer
zu groß für die meisten. Aber sie dürfen Probeliegen, so oft sie wollen
und umsonst, nur zwei Laken sollten mitgeführt werden. "Erst testen, dann
kaufen", lautet die Firmenphilosophie von Ceragem. Und so testen und
testen die Leute den CGM-M3500, jeweils für 40 Minuten, wochenlang,
monatelang, nicht selten fast täglich. Es ist eine Gemeinschaft, die sich
hier trifft. "Wir sind wie eine Familie", sagt Frau Kim - eine recht
merkwürdige Familie.
Als das Geschäft vor gut einem Jahr aufgemacht hat, kamen in erster
Linie Türkinnen. Heute ist das Verhältnis zwischen Deutschen und
Ausländern etwa Hälfte-Hälfte, aber die Türkinnen sind der treueste
Kundenstamm. Sie tragen Kopftücher und sprechen nicht viel, nur ein wenig
untereinander. Ein aus der Türkei stammender junger Mann sagt, viele von
ihnen kämen, um eine Stunde fort zu sein vom Ehemann, von den Kindern.
Ihnen sind die Felder und die Strahlen egal. Sie wollen Entspannung. Sie
wollen eine Stunde Ruhe. Kein abwegiger Beweggrund.
Alle 34 Betten sind zu dieser Stunde belegt. Manche haben sich die
"externen Projektoren" auf den Bauch gelegt oder auf die Stirn oder
pressen sie sich gegen eine Schläfe. Sie tragen etwas abgeriebene,
verwaschene Freizeitkleidung, meist helle Sachen, denn die sollen die
Strahlen besonders gut passieren lassen. Sie haben die Augen geschlossen.
Sie fühlen sich wohl. Man nimmt tatsächlich, wenn man so daliegt, ein
bisschen Abschied von der Welt. Der Alltag rückt für ein paar Momente in
sichere Entfernung.
Aber damit ist es für viele nicht getan. Die Superliege, verrät Frau
Kim, bewähre sich in ihrem Laden auch als Psychocouch. Oft redeten die
Liegenden sich ihren Kummer von der Seele. Eine ältere Dame habe unter dem
akuten Eindruck ihrer Betterlebnisse beschlossen, das für ihr Begräbnis
gesparte Geld lieber in einen CGM-M3500 zu investieren. Eine Frau, die
bislang an Krücken gegangen sei, habe dieselben nach längerer Behandlung
in die Ecke stellen können. Das Gerät, wird versichert, helfe gegen
Ohrensausen ebenso wie gegen Beschwernisse an Gelenken und der
Wirbelsäule, gegen Bluthochdruck wie gegen Migräne. Die 69-jährige Elena
bekennt nach sechs Monaten regelmäßiger Infrarotbestrahlung: "Ich kann
fliegen." Und auch Gundi, die sich nach 80 Besuchen endlich zum Kauf der
Gesundungsmaschine entschlossen hat, entdeckt: "Ich habe Flügel."
Es ist wie einst von Lukas, dem Jünger, beschrieben: "Blinde sehen,
Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf". Bis
dahin ist es zwar noch ein Stück. Aber man ist auf dem Weg - mögen
Fachleute wie der Vorsitzende des Deutschen Orthopädenverbands, Christoph
Sichla, auch "dringend empfehlen", sich gerade bei alternativen
Behandlungsmethoden "des Rats und der Begleitung" von Ärzten zu
versichern.
Während die einen glücklich ruhen, lassen die anderen ein kurzes
Erbauungsprogramm über sich ergehen. Frau Kim und ihre zwei Helferinnen
preisen die Vorzüge des Ceragem Masters. Aus dem Publikum treten Veteranen
des Testliegens und erzählen atemlos von gesundheitlichen Erfolgen. Dann
erklingt ein heller Gong. Die Zuhörenden klatschen noch rasch rhythmisch
in die Hände, skandieren lebhaft "CE-RA-GEM-Yeahhh" und entern
überraschend rüstig die Massagestätten, die von der Vorgruppe freigegeben
werden. So löst eine Bettenbesatzung die andere ab, montags bis freitags
von 8.30 bis 18 Uhr, sonnabends bis 14 Uhr, bis zu 500 Heil(ungs)suchende
am Tag.
Alle Tester sind herzlich willkommen. Wer durchaus keine Kaufabsichten
bekunden wolle, sei auch gern gesehen - und sei es als freiwilliger
Propagandist. 600 Betten seien auf diese Weise bereits veräußert
worden.
Neben dem Eingang plätschert leise ein Tischspringbrünnlein. Unsichtbar
rollen die heißen Rollen. Auf einem Großbildschirm läuft ein Werbevideo.
Das Motto, tönt es aus den Lautsprechern, sei "Liebe, Freude,
Freundlichkeit". Gundi hat zur Feier ihres Kaufentschlusses Kuchen
mitgebracht. Seit November ist sie hierher gekommen, das ist ihre letzte
Visite. "Heute", sagt sie, "verlasse ich meine Familie". Sie lacht. Sie
fliegt davon.